Depressive sind nicht gemeingefährlich

Unseriöse Medien stilisieren Depressive zu gefährlichen Menschen hoch. Das ist nicht nur falsch, sondern schadet den Betroffenen auch.
© Jürgen Fälchle - Fotolia.com

Depressionen müssen inzwischen für alles herhalten: Depressive sind traurig, Depressive wollen nicht mehr leben, Depressive muss man einfach mal aufmuntern und Depressionen können einen anfallsartig aus heiterem Himmel ereilen. Außerdem werden Depressionen gerne als Grund für Arbeitsunfähigkeiten gesehen, wenn man mal gerade nicht gut drauf ist.Neuerdings werden Depressive als potentielle Selbstmordattentäter gesehen.

Insbesondere bei den Medien wird mit dem Begriff umhergeworfen, als wären unsere Journalisten allesamt Experten auf diesem Gebiet. Doch wie so oft klaffen Anspruch und Wirklichkeit bei den Redakteuren auseinander. Denn nichts von dem oben genannten trifft den Kern der Depression.
Immer mehr Studien zeigen, dass es sich bei Depressionen um eine Erkrankung unseres Stresssystems handelt. Die sogenannte HPA-Achse (englisch für Hypothalamus, Hypophyse und Nebenniere), an dessen Ende die Cortisol-Ausschüttung steht, scheint nicht mehr in der Lage zu sein, die benötigte Menge Energie für unser Gehirn freizusetzen, wenn sie benötigt wird. Da jeder einzelne Gedanke, ja jeder Denkprozess Energie kostet, können die Prozesse folglich nicht stattfinden, wenn die benötigte Energie nicht bereitgestellt werden kann.

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Der Psychologe sagt, wir seien dann nicht mehr schwingungsfähig, das heißt unsere Stimmung ist festgefahren. Außerdem fehlt uns Konzentration und Merkfähigkeit. Voraus geht meist eine langwierige Belastung unseres Stresssystems. Schnell wird klar, dass man nicht über Nacht depressiv wird.

Traurig sein und Selbstmordgedanken sind nicht Teil der Erkrankung, sondern sicherlich als Folge anzusehen. Der dramatische Flugzeugabsturz hat das Thema Depression aber wieder in die Medien geworfen, die direkt spekuliert haben, dass ein Selbstmörder, der unzählige Menschen mit in den Tod gerissen hat, ja unter Depressionen leiden müsse. Die ersten Forderungen werden nun laut, dass Depressive nicht mehr als Pilot oder Co-Pilot fliegen dürften. Das ist – ehrlich gesagt – hanbüchener Schwachsinn. Viele Menschen machen in ihrem Leben depressive Episoden durch. In diesen Phasen ziehen sie sich meist zurück, melden sich krank, planen aber keine Selbstmorde oder Attentate wie beim Germanwings-Absturz. Depressive brauchen eine Behandlung, keine Bestrafung. Sie sind nicht ansteckend und vor allem überhaupt nicht gefährlich.

Behandelt werden müssen dagegen inkompetente Journalisten, die sich zu mehr berufen fühlen. Denn sie wissen in der Regel über Vieles wenig, aber über Wenig viel. Das schädliche Halbwissen nutzen sie dagegen, um zahlreiche depressive Menschen nachhaltig zu diskreditieren.

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