Störgeräusche

Weghören lernen – Welche Therapien bei Tinnitus helfen

Pfeifen, Brummen, Rauschen. Manchmal ist es sogar eine Melodie. Patienten mit Tinnitus hören Geräusche, die niemand sonst wahrnimmt. Der Leidensdruck kann enorm sein - auch weil Familie und Freunde oft nicht nachvollziehen können, was die Betroffenen so quält.

Am schwersten ist Stille zu ertragen. Denn dann ist nur noch der Tinnitus da. Dieses Geräusch im Ohr, für das es keine Schallquelle gibt und dessen Entstehung der Wissenschaft Rätsel aufgibt.

«Wir kennen zwar mittlerweile eine Reihe von Auslösern für einen Tinnitus, aber die genauen Entstehungsmechanismen sind noch nicht komplett geklärt», sagt Prof. Birgit Mazurek, Direktorin des Tinnituszentrums des Universitätsklinikums Charité in Berlin.

«Tinnitus ist ein Symptom, eine Fehlfunktion, keine eigene Krankheit», erklärt die Fachärztin für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Lärm kann ebenso Auslöser sein wie eine Durchblutungsstörung im Innenohr oder eine Blockade an der Halswirbelsäule. Dadurch gerät irgendwo auf dem Weg vom Ohr zum Gehirn die Kommunikation zwischen den Nervenzellen aus dem Takt. Höreindrücke werden falsch weitergegeben oder verselbstständigen sich. Störende Geräusche werden nicht mehr gefiltert oder Nervenzellen reagieren besonders sensibel, um eine Schwerhörigkeit nach einem Hörsturz auszugleichen.

Auch Stress spielt eine Rolle. «Je emotional erschöpfter ein Mensch ist, desto häufiger ist eine Hörminderung und desto häufiger tritt ein Tinnitus auf», sagt Mazurek. Und: Was sonst überhört wird, erscheint bei Stress bedrohlich. «Gefährdet sind vor allem Menschen, die Lärm und Stress ausgesetzt sind, viel Verantwortung tragen und oft sehr hohe Ansprüche an sich selbst haben», ist auch die Beobachtung von Klaus Hausmann, Gründer und Leiter der Tinnitus-Selbsthilfegruppe in Celle.

Hält das Ohrgeräusch einen Tag an, sollten Betroffene zum Arzt gehen. «70 bis 80 Prozent der akuten Ohrgeräusche bilden sich wieder zurück», sagt Mazurek. Nach drei Monaten gilt der Tinnitus als chronisch. Rund drei Millionen Menschen in Deutschland leiden Schätzungen zufolge an einem chronischen Tinnitus.

Viele Betroffene probieren alternative Therapien aus, deren Nutzen zum Teil sehr umstritten und deren Wirksamkeit oft in keiner Weise erprobt ist. «Es gibt sehr viele unseriöse Angebote auf dem Markt», sagt Prof. Gerhard Goebel, Vizepräsident der Deutschen Tinnitus-Liga und Sprecher des fachlichen Beirats der bundesweit tätigen Selbsthilfeorganisation. Er rät Betroffenen deshalb, den Therapeuten zu fragen, ob er entsprechend den von einer wissenschaftlichen Kommission erstellten Leitlinien zur Tinnitusbehandlung arbeitet.

Bei einem chronischen Tinnitus gilt derzeit die sogenannte Retraining-Therapie als die erfolgversprechendste Methode. Sie kombiniert verschiedene Bausteine wie Hörtraining, Verhaltenstherapie, Entspannungsmethoden und umfassende Aufklärung über die Mechanismen, die den Tinnitus entstehen lassen. Ziel ist, dem Pfeifen, Brummen oder Rauschen seine Bedeutung zu nehmen. «Das Ohrgeräusch wird durch die Retraining-Therapie nicht weggehen. Aber der Patient merkt, dass er es aktiv beeinflussen kann», sagt Mazurek. Das Training erfordert Geduld: «Mit ein bis zwei Jahren muss man rechnen», sagt die Tinnitus-Expertin. «Es bringt nur dann etwas, wenn der Patient die Strategien selbst ständig trainiert.»

Hausmann begleitet der Tinnitus seit bald 15 Jahren. Mittlerweile arbeitet er auch als Therapeut für Retraining- und Hörtherapie. «Es ist ein mühsamer Weg mit vielen Tiefs, aber man kann lernen, mit Tinnitus zu leben.»

dpa