Mythos Bier-Bauch
4. Februar 2015

Stress: der Bauch ist keine Folge von Maßlosigkeit

Auf Mallorca wollen uns viele T-Shirts weiß machen, der symbolträchtige Bauch sei hart erarbeitet und damit ein Zeichen von Wohlstand. Die Träger tragen ihn oftmals stolz vor sich her. Doch über den voluminösen Bauch ranken sich mehr Mythen als Wahrheiten. Dabei verbreiten nicht nur Laien Märchen über die gemeine Kugel. Selbst Mediziner springen auf Züge von Unwahrheiten auf, die die Betroffenen in die falsche Richtung bringen.

Wenn die Hose unter den Bauch rutscht, dann ist dauerhafter Stress nicht weit. Doch das ist keine Folge einer Fehlernährung.
© Peter Jobst - Fotolia.com

Das wird dem Bauch alles vorgeworfen: er begünstige Herzinfarkte und Schlaganfälle, sei Mitschuld am Diabetes. Außerdem erhöhe er das Krebsrisiko. Kurzum: er ist gefährlich. Doch zunächst muss man sich fragen, ob die Wissenschaftler der entsprechenden Studien die Arbeiten richtig interpretiert haben. In einer Fachzeitschrift erschien vor einiger Zeit eine Arbeit, die zeigen konnte, dass mit dem Anstieg des Schokoladenkonsums die Wahrscheinlichkeit steige, einen Nobelpreisträger hervorzubringen. Diese – nicht ganz ernst gemeinte – Arbeit wurde mit einem Augenzwinkern veröffentlicht und sollte zeigen, dass wissenschaftliche Arbeiten durchaus einige Interpretationsmöglichkeiten bieten. Wenn dort wo viele Störche leben, auch viele Kinder geboren werden, ist das natürlich kein Nachweis dafür, dass der Storch die Kinder gebracht hat. Aber beides könnte die gleiche Grundlage haben: gute Lebensbedingungen.

Dass der „Bier“-Bauch einen Diabetes auslöst, darf man getrost als unsinnig bezeichnen. Aber die Ursache für Bauch und Diabetes ist höchstwahrscheinlich die gleiche: chronischer Stress. Das erklärt eben auch das gehäufte Auftreten von Herzinfarkten, Krebs und Schlaganfällen. Auch diese Erkrankungen werden durch eine chronische Stressbelastung begünstigt.  Welche Bedeutung sollte man dann der Kugel zumessen, die man ehrwürdig vor sich her trägt? Ist das alles ganz harmlos? Der Bauch – oder eine deutliche Vermehrung des intraabdominellen Fettgewebes, wie es der Fachmann nennt – ist ein Symptom einer dauerhaften, teils langjährigen Stressbelastung. Das langwierig stressbelastete Gehirn legt sich dort ein Reservoir für schlechtere Zeiten an. Dieses Fettgewebe zeigt eine Besonderheit: es gelangt beim Abbau nämlich nicht zunächst in den allgemeinen Kreislauf, sondern passiert zuerst über die Pfortader die Leber. Dort werden aus den freigesetzten Fettsäuren Ketonkörper gebildet, die dann ausschließlich unserem Gehirn zum Verzehr zur Verfügung stehen. Unser restliches Fettgewebe gelangt nach Freisetzung unbearbeitet in den großen Kreislauf und kann daher von allen Organen genutzt werden.

Der Bauch zeigt also an, dass unser Gehirn schon seit langem einen deutlich erhöhten Energiebedarf hatte. Daher passt eigentlich der Satz: „Dieser Bauch ist mühsam erarbeitet“! Aber er ist kein Zeichen übermäßigen Essens und daher über diesen Weg auch nicht erfolgreich behandelbar. Er zeigt, dass unser Stresssystem schon seit längerem überlastet ist.

Wie entwickelt sich denn nun der Bauch?

Ohne Stressbelastung nehmen wir nicht zu, egal was wir essen. Das hat die Vermont Prison Study deutlich zeigen können. Hier haben Gefangene in Amerika es trotz erheblicher Anreize nicht geschafft, deutlich an Körpergewicht zuzulegen. Unser Körper hat prinzipiell etwas dagegen, dick zu werden. Selbst bei Stress nehmen wir in der Regel erstmal ab, statt zu.

Der Grund ist die sogenannte Cerebrale Insulinsuppression (CIS). Unter Stress – also einem Anstieg von Cortisol – wird die Insulinausschüttung der Bauchspeicheldrüse unterdrückt. Das macht Sinn, denn das Gehirn braucht den Zucker, um die stressbedingte Mehrarbeit leisten zu können. Da wäre es unsinnig, den Blutzucker im Gewebe zu speichern. Solange dieser Mechanismus funktioniert, bleiben wir unter Stress schlank oder nehmen sogar ab. Ist dieser Mechanismus aber gestört, dann nehmen wir rasch zu, ohne groß unsere Essgewohnheiten verändert zu haben.

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Wir können also sicher sagen, dass der Bauch ein Zeichen einer chronischen Stressbelastung ist. Wie kommt es aber nun zum Diabetes? Da durch die fehlende Kontrolle des Insulins nun vermehrt Zucker gespeichert wird, erhöht das Gehirn den Cortisol-Spiegel und damit auch den Blutzucker. Allerdings steigt auch der Insulin-Spiegel mit, so dass das Gehirn seine Energieversorgung in Gefahr sieht. Über das Stresshormon Cortisol nimmt es nun Einfluss auf die Gene, die die Zuckertransporter herstellen lassen. Es werden weniger sogenannte GLUT4-Transporter gebildet. Damit hat das Insulin weniger Andockstellen an der Zelle. Folglich kann auch weniger Zucker aufgenommen werden. Der Blutzuckerspiegel steigt nun deutlich an.

Man sieht, der Bauch ist nicht die Ursache eines Diabetes. Beide entstehen nicht als Folge einer Überversorgung mit Zucker, sondern als Folge einer gestörten Energieverteilung im Körper.

Ist daher ein Bauch-weg-Programm die Lösung? Nein, denn das gespeicherte Fett ist nicht das Problem, sondern der gestörte Stressstoffwechsel. Der Bauch selbst richtet zunächst keinen Schaden an. Diäten können sogar schädlich sein, da sie das überlastete Stresssystem noch weiter belasten. Das Fettweg-Programm richtet sich also zunächst an den Energiebedarf. Durch ein gutes Stressmanagement, Sport und ausreichend Regeneration kann der Bauch effektiv behandelt werden.

Was kann man nun selber tun?

Zunächst ist es wichtig zu begreifen, dass der Bauch keine Folge einer fehlerhaften Ernährung ist, auch wenn das von den Medien und selbsternannten Experten oftmals so kolportiert wird. Die Entwicklung von Bauchfett ist Folge einer chronischen Stressbelastung. Diesen Stress kann man dabei durch eine Gewöhnung gar nicht mehr als Belastung wahrnehmen, trotzdem richtet er seinen Schaden an. Auch eine unzureichende Regeneration wie z.B. ein nicht-erholsamer Schlaf kann unseren Stresshormon-Pegel erhöhen.

Zwar richtet das Fettgewebe selbst keinen Schaden an, doch wirkt der Bauch wie ein gutartiger Tumor. Das Fettgewebe befindet sich unter der Bauchdecke und damit auch unter der Muskulatur und kann sich daher nicht wie ein „Rettungsring“ ausbreiten. Es wächst daher verdrängend. So kommt es bereits bei geringen Belastungen dazu, dass man außer Atem ist. Auch sind Verdauungsbeschwerden wie Völlegefühl und Sodbrennen häufig. Selbst wenn der Bauch noch nicht richtig sichtbar ist, können die Beschwerden auftreten.

Wenn diese Symptome also auftreten, sollten Sie hellhörig werden. Der Bauch ist kein Wohlstandszeichen, sondern weist auf ein Stoffwechselproblem hin. Machen Sie bloß keine Diät, denn die könnte mitunter lebensgefährlich sein. Setzen Sie sich zunächst das Ziel, ausreichend zu regenerieren. Schlafen Sie genügend und nehmen Sie sich Zeit, um vor dem Schlafengehen runterzukommen. Holen Sie am Wochenende den fehlenden Schlaf auch nachmittags nach. Rasch merken Sie, dass es Ihnen viel besser geht.

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